Anekdoten

Die Klausner

ca. 1920-er Jahre, erzählt von Hans Rucker

Die Tiroler unterschieden zwischen den Almsennern und den Touristen, die meist im Winter eine Hütte gepachtet hatten und die sie Alminga nannten. Alle, die irgendwie mit der Klausen und deren Umgebung zu tun hatten, wurden bei uns "die Klausner" genannt. Die etwas tiefer gelegene Obere Baumgartenalm hatte mein väterlicher Freund Willi während des Winterhalbjahres bis 1966 gepachtet. Mein Groll gegen die Klausen war dank der verstrichenen Zeit auch weg, sodass ich oft mit den Tourenskiern von der Baumgarten auf die Klausen raufspurte, um dann eine herrliche Pulverschneeabfahrt über die freien Hänge des Klausenschinders zu genießen.

Die oben schon erwähnte Kogelhütte hatten zwei Aschauer, der Thedy und der Sepp, sowie der in Frasdorf wohnende Muggl um 1924 selbst gebaut. Um die schwierige Finanzierung während der damaligen Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen, beschlossen die drei Freunde, sogenannte Bausteine zum Kauf anzubieten, deren Käufer dort Urlaub machen konnten. Auch organisierten sie die ersten Heimatabende für die Urlaubsgäste in der Aschauer Festhalle, deren Erlös wiederum dem Kogelhüttenbau zufloss.

Dann gab es noch die Lawinenhütte, die diesen Namen erst erhielt, als sie in einem schneereichen Winter schon vor dem 2. Weltkrieg von einer Lawine aus dem Gegenhang umgedrückt wurde. Sie stand etwa eine halbe Gehstunde vor der Klausenhöhe am Klausenschinder, also an der Ostseite des Klausenberges. Sie war von Aschauer Bergsteigern erbaut, wurde aber nach dem Schaden, den ihr die Lawine zufügte, nicht mehr aufgebaut.

Ebenfalls von Aschauer Bergsteigern wurde am Weg von der Klausen zur Feichten, etwa am Fußanfang des Zinnenberges, die "Blechhütte" in den Zwanzigerjahren erbaut. Den Namen erhielt sie, weil sie außen fast ganz mit Blech beschlagen war. Sie wurde während des 2. Weltkrieges, als ihre Erbauer an der Kriegsfront waren, nicht mehr gewartet und wurde hernach ebenfalls ein Opfer der Stürme, die in regelmäßigen Abständen über diesen Höhenrücken tobten.

Wie viele gemütliche Stunden verbrachten all diese Erbauer wohl, wenn sie droben in der Klausen-Bergwirtschaft beieinander hockten und mancher Liter Tiroler Roten durch ihre Kehlen floss. Da spielte dann der Klausen-Sepp (ein Tiroler aus Maria Stein) mit der Harfe, der Thedy mit der Gitarre und der Muggl mit der Ziehharmonika auf. Neben den bekannten Gstanzl'n dichtete der Thedy noch manchen Vers selbst dazu:

An Hansei hat d'Mondsucht dawischt
Er hat d'Loater ans Fenster hig'richt
Und kraxelt zum Kammerfenster nauf.
Geh Liesei, geh Liesei mach auf!
Lisei, i bitt, i bitt
Lass mi da nei in d'Mitt
Druck mi nur ganz fest hi,
dass i a drinna bi
Glei wer i drinna sei
D'Mondsucht is sakrisch fei.

Da Hansei hat d'Mondsucht verlorn
Und 's Lisei hat's hint und hats vorn
Si werd wia da Vollmond so rund
Und der Hansei, der is pumperlgsund
Er schleicht si beim Mondschein davo
Hoffentlich steckt er net no a paar o!

Einige Male bekam ich als ganz junger Pimpf noch ein paar Brocken dieser Stimmungen mit. Dann redeten sie über Skifahrtechniken, und die Eigenschaften der verschiedenen Hölzer zur Skiherstellung wurden in Bezug auf Pulver- oder Firnschnee-Eignung begutachtet. Eines Abends sagte der Huaterer Martin zu mir: "Ös junga Hupfa wisst's ja nimmer, wia ma an Telemark fahrt." Ich kannte diesen Skifahrerstil wohl auch nur vom Hörensagen. Tags darauf zeigte mir der Huaterer diese etwas absurd aussehende Skifahrertechnik, bei der an einem Fuß die Ferse angehoben wird. Das ging damals noch mit den alten Langriemenbindungen, oder auch durch extremes Lockern der meist gebräuchlichen Seilzugbindungen. Ich lachte über den "alten Schmarrn und so eine blöde Skifahrtechnik". Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Stil 40 Jahre später mit einer extra dafür konzipierten Bindung wieder aufersteht.

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Der Nudelbaum

ca. 1923, erzählt von Hans Rucker

Nördlich der Klausen-Bergwirtschaft stehen nur einen Steinwurf weit weg zwei Almkaser. Einer davon wurde immer als "Wimmer-Hütte" bezeichnet, vermutlich weil der Wimmer Hans dort einmal Pächter war. Eigentlich war nach dem 2. Weltkrieg immer eine Gruppe junger Aschauer dort beisammen. Der Schorsch von Hub erzählte mir diese amüsante Geschichte:

Da san ma am 1. Weihnachtstag auf d' Klausen ganga, der Hans, der Franz und i. Damals vor der Währungsreform war d'Fresserei knapp. Aber i hab von dahoam a Packl Nudeln obidraht und a Drumm frischen Speck hab i a no eipackt, damit d' Nudeln leichter rutschen, und weil mia erst vor kurzem a Sau abg'stocha ham.

Dann hat da Franz beim Aufigeh am Klausenschinder no a schöns, kloans, grad g'wachsenes Fichtenbamerl abgschnitten des mir dann als Christbaum auf unserer Hütt'n herrichten wollten. Aber droben angekommen, steckten wir des Bäumerl vor die Hütten in Schnee nei, sperrten die Hüttentür auf, heizten sofort richtig ein, und damit wir uns auch von innen schnell aufwärmten, ham mir in der Klausen-Wirtschaft a Viertel Tiroler Roten getrunken.

Aber des san na no mehra Viertel worn. Auf'm Ofen von der Wirtschaft ham mir dann unsere Nudeln kocht. Mit'm Speck und der net geringen Dreigab vom Rotwein ham mir an Hunga und an Durscht scho besiegt. Mitten in dera gmüatlichen Stimmung erinnert mi der Franz an des kloa Christbamerl des no im Schnee draußt steckt. Sag i zu eahm: Mia wern uns doch jetzt net no die Arbeit mit dem Christbamerl odoa, wo's da herin so griabig is. Morgen ham ma gnua Zeit, dass mir den Christbaum herrichten. Und dann ham mir halt no a paar Viertel Tiroler Roten mehra trunka, wie vielleicht g'sund gwen waar. Mir drei san ziemlich bsuffa zu unserer Hütt'n umitorkelt und ham uns a glei ins Bett nei g'legt. Einschlaffa ham ma a net glei könna, weil sich in der Schlafkammer alles umadum draht hat. Und dann is uns alle drei schlecht worn. Oana nach dem anderen is ans Fenster hi und hat die guaten Nudel aussigspiem. I siech'n heut no, an Franz, wia er am anderen Tag vor der Hüttentür drauß steht, und die Augen zuzwickt, weil eahm die schräge Wintersonne ins G'sicht scheint, na schaut er an Christbaum o und schreit zu uns eina: "Der Christbam is ja a scho wunderbar g'schmückt, mir brauchan gar nix mehr hinhringa, weil er voll von lauter rote Nudeln is!"

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Die Grenz-Theke

ca. 1933, erzählt von Hans Rucker

Einen herben Einschnitt für die bayerischen Klausengeher brachte die Verhängung der sogenannten 1000-Mark-Sperre über Österreich am 1. Juni 1933. Deutsche Staatsangehörige (ausgenommen Geschäftsreisende) durften nur noch mit gesondertem Ausreisesichtvermerk nach Österreich reisen, der gegen eine Gebühr von 1000 Reichsmark vom Passamt erteilt wurde.

Außer der Lawinenhütte waren alle anderen Kaser, Hütten und auch die Bergwirtschaft im Klausengebiet auf österreichischem Staatsgebiet. Damals hatte der Wirt der knapp an der Grenze im Tirolischen gelegenen Spitzsteinhütte eine geniale Idee. Er stellte auf bayrischem Gebiet unmittelbar an der Grenze Tische und Stühle auf. Direkt auf die Grenzlinie stellte er einen Tisch, der als provisorische Theke diente. Die Gäste konnten also Hunger und Durst löschen, ohne dass sie die Grenze überschritten, weil sie der Wirt über die Grenz-Theke bediente und in derselben Weise seine Rechnung kassierte.

Wie lange die sogenannte 1000-Mark-Sperre streng gehandhabt wurde, konnte ich nicht mehr genau feststellen. Allerdings gab es im Jahr darauf auch wieder leichter erreichbare Ausnahmegenehmigungen. Und als 1938 der Anschluss Österreichs an das Hitler-Regime mit dem Einmarsch der deutschen Truppen besiegelt wurde, fielen die Grenzkontrollen weg. Da wurde alles zu dem wohl nicht sehr lange dauernden "Großdeutschen Reich" zusammengeschmolzen. Mit dem Kriegsbeginn 1939 wurden die jungen Klausner in Uniformen gesteckt und an die Fronten geschickt. Einige mussten in diesem sinnlosen Gemetzel ihr junges Leben lassen, und die nach Krieg und oft langjähriger Gefangenschaft dann doch wieder in die heimatliche Bergwelt heimkehren konnten, traf man bald wieder auf der Klausen an.

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Gewittersturm

ca. 1943, erzählt von Hans Rucker

Kurz vor meiner Einschulung in die erste Klasse - es war im Kriegsjahr 1943 - mieteten meine Eltern auf der Klausen eine private Hütte - die Koglhütte - für eine Woche. Bereits nach einer Stunde Aufstieg schob sich eine grimmig schwarz heranstürmende Gewitterwolke über die Zellerwand aus dem Westen heran, und wir suchten auf der nahegelegenen Eland-Alm einen Unterschlupf. Die Helln-Nani, die Tochter unseres Nachbarbauern war dort Sennerin, und nachdem der Gewitterregen bis zum Abend nicht aufhörte, richtete sie uns ein Nachtquartier im Heu ein. Meine Liegestatt war etwa 30 cm unter dem nicht eingeschalten Dach. Kurz nachdem ich eingeschlafen war, setzte ein Hagelschauer ein, und die Hagelkörner donnerten mit einem solchen Lärm auf die Dachplatten, dass ich Angst hatte, das ganze Unwetter würde über mich hereinbrechen.

Ich fürchtete mich so, dass ich am liebsten in den Keller runter gerannt wäre. Tags darauf gingen wir weiter bis zu unserem Quartier. Am Abend gingen wir in die nahegelegene Unterkunftshütte "Klausenalm", weil dort der Bergwirt, der Klausensepp, Harfe spielte. Als meine Eltern mit mir zur Koglhütte zurückgehen wollten, war wieder ein Gewitter im Anmarsch. Ich lief aus der Türe der Unterkunftshütte, und sofort packte mich der dort mit Orkanstärke durchziehende Sturmwind, hob mich vom Boden weg, und ich weiß nicht mehr wie weit mich dieser Wahnsinnssturm wegtrug. Ich hörte nur noch meinen Vater meinen Namen schreien, und dann war totale Finsternis und solche Windstärke, dass ich im Gras liegen blieb. Ich traute mich nicht mehr aufstehen, dass mich der Sturm nicht noch weiter den Berghang hinunter fortwehte. Dann kamen einige Männer, die mit Sturmlaternen das Gelände absuchten und mich fanden. Die Zeit und die sich dazu gesellende Angst reichte aus, dass ich durchnässt und verdreckt wieder zurückgebracht, einen richtigen Schüttelfrost bekam. Man wickelte mich in Decken, und mein Vater trug mich die kurze Strecke bis zur Koglhütte. Damals schwor ich mir, nie mehr auf eine Hütte zum Übernachten zu gehen. Und auf die Klausen wollte ich schon gleich gar nie mehr.

Der Irgei, ein etwa 15-jähriger Tiroler, half damals dem Klausensepp bei der Arbeit. Ich erinnere mich an ihn, weil er mit einem Muli Lasten auf die Klausen transportierte und mit seinem Tragtier Gespräche führte. Das war mir fremd, denn die Bauern in meiner Nachbarschaft schimpften oder fluchten meistens, wenn sie mit ihren Ochsen fuhren.

Nachdem wir schon etwa einen Monat wieder daheim waren, brachte der Irgei den Hut meines Vaters vorbei. "Gell, des is der dei" sagte er in Erwartung eines entsprechenden Finderlohnes. "Der selbigs teuflische Wind hat'n sakrisch weit furttragen. Auf der Klausenberg-Nordseiten is er anara Latschn hängablieb'n!"

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Auf der Windschneid

ca. 1950 - 1955, erzählt von Hans Rucker

Die Windschneid ist die dem Klausenwirtshaus am nächsten stehende Berghütte. Solange ich mich erinnere, waren die Pächter der Biwei (Pius) und nach dessen Tod seine Tochter Karin. Aber auch gern gesehene Gäste sah man oft bei der Windschneid. Da ging einmal der Max mit zwei Dirndl, der Anni und der Resi, auf die Klausen, und sie quartierten sich in der Windschneidhütte ein. Der Max war ein stämmiges Mannsbild. Man sagte ihm auch nach, dass er ziemlich viel essen konnte, wobei er die besonders in Notzeiten sich bewährende Eigenschaft besaß, sozusagen auf Vorrat essen zu können.

Nach einem kräftezehrenden Aufstieg, der durch Tiefschneespuren nicht gerade erleichtert wurde, sagte der Max, nachdem die drei in der Hütte angekommen waren: "I mach glei a Feuer, und ihr zwoa Weiber richt's fei glei zum Essen her, weil i an sakrischen Hunga hab." Es dämmerte schon draußen, und beim flackernden Schein der Petroleumlampe wurden die Rucksäcke ausgepackt. Während die Resi ihr mitgebrachtes Mehl in eine Schüssel schüttete, sagte sie zur Anni: "geh weida, gib mir a no des Mehl von dir, schau weil's pressiert, denn den Max hungert's scho ganz damisch". Da antwortete die Anni: "Was für a Mehl? Es war doch nia die Red, dass a i a Mehl mitnehma soll, i hob nur an Butter dabei". Da gab's also ein kleines Missverständnis. Jedenfalls stand fest, dass für eine richtige Portion Schmarrn, wie sie der hungrige Magen von Max gebraucht hätte, zu wenig Mehl mitgenommen worden war.

So suchte die Resi die sich in der Hütte befindlichen Vorräte ab, und sie fand tatsächlich eine Dose weißen Pulvers, das sie als Mehl identifizierte. Als dann Mehl, Eier und Milch zum Schmarrn-Teig zusammengerührt wurden, fühlte sich der Teig etwas zäh an, aber da der Max schon dauernd darauf drängte, dass bald etwas Essbares auf den Tisch kam, achtete man nicht besonders darauf, und mit einer richtigen Portion Butter, die am Pfannenboden ausgelassen war, wird der Schmarrn dann schon rutschen. Der Max aß gierig den zähen Schmarrn hinunter, und die zwei Dirndl aßen lieber ein Butterbrot und etwas von der mitgebrachten Wurst.

Hernach war dem Max gar nicht mehr wohl, und er rief: "Jetzt brauch i unbedingt an Schnaps! Der Schmarrn liegt mir wia a Stoa im Magen." Trotz ein paar Stamperl Obstler ging es dem Max immer schlechter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, er bekam Angstgefühle, rannte immer mal wieder vor die Hüttentüre und draußen herum, um dann wieder als einziges Mittel zur Schnapsflasche zurückzukehren. Sitzen oder Liegen hielt er gar nicht aus. Der Max lief die ganze Nacht hin und her, jammerte, plärrte und fluchte. Einen Arzt zu holen, war in dieser Winternacht bis da herauf unmöglich.

Als der neue Tag anbrach, machten sich die drei auf den Weg ins Tal, um in Aschau den Arzt aufzusuchen. Die Resi konnte es gar nicht fassen, dass der von ihr zubereitete Schmarrn an dem Elend vom Max schuld sein sollte. Bevor sie die Hütte verließen nahm sie noch mal die Büchse zur Hand und drehte sie herum. Plötzlich fuhr ihr der Schreck durch die Glieder, als sie ganz unten an der Büchse das mit Bleistift hingekritzelte Wort "Gips" las. Das hatte sie im schummrigen Kerzenlicht am Vorabend nicht lesen können.

Als dann der Max völlig fertig beim Dr. Stocker zur Behandlung war, sagte der Arzt zu ihm: "A anderer wia Du waar mit dem eingipsten Magen bestimmt scho g'storben, aber so a Magen wia der Deinige hat a des ausg'halten".

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Sauwetter und Nebel

ca. 1955, erzählt von Hans Rucker

Nachdem der Sepp aus Altersgründen sich als Klausen-Wirt verabschiedet hatte, übernahm die Bewirtung die Foidl Lies und der Toni. Das war Ende der Fünfziger-Jahre. Der Günter, der Sepp, der Maschtei und ich verbrachten einmal eine ganze Woche bei der Lies zum Skifahren. Und da war ja auch noch das Hannerl, a frisches, hübsches, junges Dirndl als Bedienung und Küchenhilfe droben. Wenn das Hannerl dann noch auf der Zither aufspielte, und manchmal, wenn beide gut aufgelegt waren, die Lies und der Toni im Wechselgesang oder als Duo ihre G'stanzl sangen, da kam keine Langeweile auf.

Wenn die "graue Sau" - wie der Nebel von der Jägern bezeichnet wird - reinbricht, dann verliert sogar oft auch der ortskundigste Bergsteiger die Orientierung. Da ist das Klausengebiet besonders berüchtigt. Der Willi verbrachte alleine eine Winternacht auf der Blechhütte. Als der Tag dämmerte - er lag noch im Bett -, hörte er ein Klopfen an der Türe. Dichter Nebel umgab die Hütte. Der Willi öffnete die Tür, und vor ihm stand ein Mann, abgekämpft, apathisch und verstört. Gleich erkannte ihn der Willi nicht, dann aber bemerkte er, dass es der Toni war. Der Willi heizte sofort den Ofen ein, weil, wie er sagte, der Toni erst einmal aufg'leint werden musste. Als sich dieser einigermaßen erholt hatte, erzählte er sein Erlebnis:

Er war alleine mit den Tourenskiern beim Aufstieg, als am Klausenschinder der Nebel einfiel. Im immer dichter werdenden Nebel spurte der Toni weiter. Er kannte das Gebiet recht gut, weil er ja auch zu jeder Jahreszeit schon oft im Klausengebiet unterwegs war. Anfangs war er recht zuversichtlich und dachte bei sich: "Aha, jetzt bin i ja scho bei dera Fichtengrupp'n, dann is gar nimmer weit". Aber es kamen immer neue Fichtengruppen, die genauso aussahen wie die erste. Einzeln stehende Baumriesen ragten in einer Höhe in den Nebel hinein, wie er sie so noch nie wahrgenommen hatte. Neben ihm reckte sich ein Wacholderstrauch aus dem Schnee, so bizarr, wie er es dort oben noch nie gesehen hatte. Dann war auf einmal nichts mehr da, kein Baum, kein Gestrüpp, kein Felsbrocken, nur mehr der graue Nebelschleier und mit seinen Skiern spurte er durch eine milchige Schneedecke. "Jetzt nur immer rechts halten, dann muss bald die Klausenhütte hergehen" so dachte der Toni und spurte weiter.

Plötzlich neigte sich der Hang und es ging abwärts. Und da wurde dem Toni zum ersten Mal bewusst, dass er sich verstiegen hatte. Er spurte zurück und setzte weiter rechts von neuem eine andere Richtung an. Nichts war zu sehen. Dann brach die Nacht herein. Ein saukalter Wind blies immer neue Nebelfetzen über den Klausengrat. Der Toni spurte weiter, denn er wusste, dass, wenn er auch jetzt dringend eine Rast nötig hätte, ein sich Hinsetzen und womöglich noch einschlafen den sicheren Tod bedeutet hätte. "Nur nicht aufgeben, weiterspuren, weitersuchen, weiterhoffen, die Klausenhütte muss doch da irgendwo hergehen." Das waren die Vorsätze, die sich der Toni immer wieder ins Gedächtnis rief.

Er wusste nicht mehr, wie lange er im Nebel umhergeirrt war, da stand plötzlich ein Geisterhaus vor ihm. Der Nebel hatte optisch auch die Klausenhütte verändert, weil sie dem Toni ganz anders, schemen- und geisterhaft erschien. Als er dann bemerkte, dass die Wirtsleut nicht auf der Hütte waren, eben niemand auf der Hütte war, da war er nicht nur enttäuscht, sondern fast verzweifelt. Da werden Gedanken durchgespielt wie: Fenster einschlagen, Türe aufbrechen oder - der letzte Gedanke in Richtung Hoffnung war, zu den nebenstehenden Almhütten zu gehen und schauen ob dort jemand zufällig drin ist. Aber auch dort war niemand anzutreffen. Bei der Haflingerhütte war ein Misthaufen und dieser lag an einer ziemlich windstillen Ecke. Dort schaufelte der Toni mit den Skiern den Schnee weg und hockte sich auf den Misthaufen. Wenigstens wurde es ihm von unten nicht zu kalt. Er versuchte, sich wach zu halten, stand von Zeit zu Zeit auf, bewegte Hände, Arme und Beine, obwohl alle Gliedmaßen im Fortschreiten der nächtlichen Kälte immer steifer wurden.

Als der nächste Tag sich mit einem diffusen Lichtschimmer ankündigte, der Nebel sich gottseilob nur mehr in schwebenden Nebelfetzen erahnen ließ, da verließ der Toni seinen Misthaufen, der ihm für diese schreckliche Nacht nur unzureichenden Schutz bot, aber doch sein Überleben mit begünstigte. Aus dem Kamin der Blechhütte, die drüben am Weg zur Feichten stand, kam wohl kein Rauch mehr, doch drang der feine Geruch des nachts verbrannten Holzfeuers dem Toni in die Nas'n. Da drüben könnte jemand auf der Hütte sein? Dann schnallte er mühsam seine Ski an, trabte halb erfroren und übernächtigt der Blechhütte zu, klopfte mit letzter Kraft an die Tür und weckte dabei den noch schlafenden Willi.

Ebenfalls im Nebel verlaufen hatte sich der Alfons, der bis 1960 die südlich der Haflingerhütte stehende AIm auf der Klausen mit seiner Frau Maria gepachtet hatte. Nachdem er schon etliche Zeit im Nebel herumgeirrt war, hängte er den schweren Rucksack an einen Baum, um ohne diese Rückenlast besser und schneller vorwärts zu kommen. Nach einem Herumirren von knapp fünf Stunden erreichte er dann doch die schützende Hütte. Tags darauf fand er seinen Rucksack weit abseits des üblichen Aufstiegsweges am Hang des Klausenberges.

Nachbemerkung: Diese Erzählungen aus dem Klausengebiet habe ich Anfang des Jahres 2007 niedergeschrieben, weil mich ein Artikel in der Zeitschrift "Region Rosenheim" von Manfred Stöger dazu animiert hat. Der Titel lautete : "Abgesang auf eine alpine Tradition- die Klausenhütte in den Chiemgauer Alpen wird wohl für immer geschlossen." Weil nun auch die 120-jährige Tradition dieser beliebten Bergsteigerhütte zu Ende geht, sollten meine Erzählungen quasi als Vorspann zu dem sehr treffend geschriebenen Bericht von Manfred Stöger dienen.

Der Feuersalamander

ca. 1961, erzählt von Klaus Seebauer

Damals hatten die jüngeren von uns noch kein Fahrzeug außer dem Fahrrad, der Sepp aber konnte sich von seinem Lehrlingslohn beim Mehlhart schon ein ordentliches Moped leisten. Die gemeinsame Fahrt in die Berge ging dann in der Ebene im Windschatten hinterm Sepp und bergauf durfte immer einer neben dem Sepp fahren, mit der Hand auf der Schulter vom Sepp.

So war s auch bei dieser Geschichte: Die spielt noch lange vor der Zeit, als der Hans dachte, unser Sepp könne nicht lesen (das mit dem "Nichtlesenkönnen" kommt in einer anderen Geschichte). Wir dachten nämlich, er könne auch nicht sprechen: Es ging auch immer verdammt wortlos zu, wenn wir uns mit dem Sepp für eine Bergtour "verabredeten". Nach dem Film-Casino, beim Wenzel Meinolf rechts, hinterm Mehlhart wieder rechts, ein Fingerpfiff, Sepp streckte seinen Kopf aus dem Fenster, Frage: "Gehst Du am Sonntag auf das X-Horn mit?" Sepp nickt entweder oder schüttelt den Kopf. "Also, dann holen wir Dich am Sonntag um 5.00 Uhr ab!" Nicken, Fenster zu, Audienz beendet.

Auf den Bergtouren selbst hat der Sepp auch nie etwas erzählt, bis wir ihn doch einmal beim Reden ertappten: Der Volkmar, die Gabi, ich und der Sepp fuhren, mit der oben geschilderten Methode, ins Loferer Hochtal. Unter einem Baum warteten wir ein Gewitter ab und gingen dann Richtung Schmidt-Zabierow-Hütte, um anderntags das Ochsenhorn zu packen (nomen est omen). Durch die Nässe angelockt, krochen zahlreiche Feuersalamander auf dem steinigen Weg, denen wir sorgfältig auswichen. Wir weit voraus, der Sepp aber gleich dahinter. Als unser Vorsprung groß genug war, versteckten wir uns hinter einem riesigen Stein. Wir wollten den Sepp unbemerkt vorbei lassen, um hinterher sein erstauntes Gesicht zu genießen. Wir waren kaum hinter dem Stein, als jemand vorbeikam, der ununterbrochen redete: "Ja, du hübscher kleiner Feuersalamander, ich bin der große Feuersteiner, wie geht's Dir denn?" usw. usw.... Der Sepp trug ganz behutsam einen besonders schönen Feuersalamander in der Hand und pflegte verwandtschaftliche Beziehungen. Da hörte er uns hinter dem Stein kichern und schwieg wieder eisern. Seitdem wissen wir nicht nur, dass der kleine Sepp ein großes Herz hat, sondern auch, dass er reden kann. Wenn er will.

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Hofmannshütte am Großglockner

ca. 1962, erzählt von Klaus Seebauer

In den 60ern fanden sich Touren-Kameraden auch wegen etwa vorhandener Fahrzeuge zusammen. Der Karl hatte immerhin eine BMW lsetta, und da kam man zu zweit wenigsten trocken in die Berge. Dann allerdings, auf dem Weg vom Pasterzen-Parkplatz zur Hofmannshütte, regnete es fürchterlich, und wir kamen pitschepatschenass zur Hütte. Der sehr freundliche Hüttenwirt (wir waren die einzigen Gäste) nahm alles, was nass war, und hängte es in der Küche hinterm Ofen zum Trocknen auf.

Morgens standen wir früh auf - wir wollten ja zum Groß-Glockner, aber leider war die Küchentüre abgesperrt, und vom Wirt keine Spur. Als eifriger Leser aller Karl-May-Ausgaben und sonstiger Räuber-Pistolen wussten wir uns aber schon zu helfen: Eine Zeitung fand sich gleich, die wir unter der Küchentüre durchschieben konnten, mit dem Taschenmesser den Schlüssel vorsichtig nach innen schieben, bis er auf die Zeitung fällt, Zeitung mit Schlüssel auf unsere Seite ziehen, aufsperren, Türe öffnen und - ... sofort wieder zuschlagen! In der Küche stand hinter der Türe ein großer schwarzer Hund (Schulterhöhe 1,2m), der zunächst still war, beim Türe öffnen uns furchterregend anknurrte und jetzt drinnen aus voller Kraft bellte.

Der Wirt kam auch schon und meinte: "Es regnet ja immer noch wie aus Kübeln, da geht's Ihr nicht zum Glockner!"

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Der Analphabet

ca. 1963, erzählt von Klaus Seebauer

Zu jener Zeit begab es sich, dass der Hans und seine damalige Freundin in Solothurn in der Schweiz arbeiteten und am Wochenende die Schweizer Bergwelt heimsuchten. "Da müssen wir auch hin!" sagten der Sepp, der Rainer und ich, und der Hans organisierte uns im Sommer, also in den "Semesterferien", in Solothurn Arbeit und Quartier. Der Hans hatte damals schon ein Auto zur Fortbewegung, natürlich einen VW Käfer. Mit diesem fuhren der Hans, der Sepp und ich an einem Samstag in Solothurn los Richtung Wallis, wir wollten auf den Grand Combin, ein schwieriger Viertausender. Die Schwierigkeit beginnt schon beim Namen, der Hans sagte nämlich damals immer "Grand Kombi" dazu. Es war auch die Zeit wo wir der Meinung waren, dass sich Wetter und Wetterbericht nach uns richten sollten. Der Wetterbericht fürs Wochenende war nämlich schlecht. Auf der langen Autofahrt quer durch die Schweiz erläuterte der Hans uns die Schweiz anhand der Ortsschilder, die wir zahlreich passierten. So klang's z.B. "Col du Moses" statt "Col dü Mosses" usw. Spätestens nach Eintritt in den Kanton Fribourg, wo die französische Schweiz beginnt, konnte ich das nicht mehr hören und sagte spontan und kühn bei nächster Gelegenheit: "Bemüh Dich gar nicht weiter, Hans, der Sepp kann sowieso nicht lesen!" Und der Sepp, der hinten saß, nickte stumm dazu.

Dass jemand nicht lesen kann, konnte der Hans zunächst gar nicht glauben. Er machte immer wieder den Versuch, anhand von einfachen Ortsnamen wie Aigle (spricht man Agl) dem Sepp auf den Zahn zu fühlen, doch wir beide – obwohl nicht abgesprochen - beharrten auf der Angelegenheit. Irgendwie, so glaube ich heute, hat der Sepp was von einer längeren Krankheit erzählt, während der seine Klassenkameraden lesen lernten, und als Spengler musst Du ja auch kein Schriftgelehrter sein, sagte er zum Hans.

Der Hans ist ja gelernter Schriftsetzer, und als Buchstaben-Jongleur konnte er es gar nicht fassen, dass heute noch jemand nicht lesen kann. Inzwischen waren wir in Bourg St. Pierre am Großen St. Bernhard-Pass angekommen und stiegen den langen fünfstündigen und vom Haute-Route- Gehen bekannten Anstieg auf die Cabane de Valsoray. Zeit für Hans, dem Sepp wenigstens die einfachen großen Buchstaben wie I , L etc. zu erklären. Auf der Hütte half der Hans auch brav beim Eintragen ins Hüttenbuch, ich durfte übersetzen ("für was hamma Di aufd Schui gschickt!"). Nachts kam die angesagte Schlechtwetter-Front, der Sturm heulte um die Hütte. Eine Hochtour kam nicht infrage, also pressierte es am Morgen gar nicht. Als der Hans in den Gastraum runterkam, saß der Sepp an unserem Tisch.... und las Zeitung (!!!).

Natürlich redete der Hans in der Hütte, beim langen Hüttenabstieg und der noch längeren Heimfahrt nach Solothurn mit Sepp und mir kein einziges Wort mehr.

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Gletschertouren im Ötztal

ca. 1964, erzählt von Klaus Seebauer

In einem Sommer der 60er-Jahre durchquerten der Sepp und ich die Ötztaler Alpen. Anreise erfolgte mit Eisenbahn und Bus bis Vent. Die Gipfel, die von der Breslauer und der Vernagthütte aus zu machen waren, sind "abgehakt". Jetzt gings zur Brandenburger Hütte. Es hatte ordentlich geschneit, die kalte Nacht brachte Frost, und so starteten wir von der hochgelegenen Brandenburger Hütte Richtung Weißkugel über weiße Gletscherflächen, auf denen man ohne Einbrechen wunderbar gehen konnte. Der Sepp mit dem Seil im Rucksack weit voraus, ich hinten nach. Ohne sichtbares Zeichen auf der weißen Fläche brach ich plötzlich ein, und nur durch meinen großen Rucksack, der auf festen Untergrund fiel, blieb mir der Fall in die Tiefe der Spalte erspart. Die Beine hingen leer durch. Gott sei Dank hat mir meine Tante beizeiten gelernt, mit den Fingern zu pfeifen - das tat ich jetzt, so laut es ging. Sepp hatte von meiner misslichen Lage nichts mitbekommen, er beeilte sich zurück und warf mir das Seil zu.

Ab hier gings auf dem Gletscher nur noch angeseilt weiter, mit 2 Prusikschlingen und immer schön am gestrafften Seil.

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Klebrig am Ortler

ca. 1964, erzählt von Klaus Seebauer

Auf der Ötztal-Durchquerung schloss sich uns ein Bergsteiger an, der froh um die Seilsicherung war, die wir jetzt konsequent praktizierten. Egon war aus Ulm und hatte bereits ein Auto, mit dem wollten wir dann zum Ortler.

So kam es denn auch: Der Sepp, der Egon und ich marschierten von Sulden zur Hintergrathütte und am nächsten Tag - sehr früh - über den Hintergrat zum Ortler. Nach Erreichen des eigentlichen Grates, im ersten warmen Sonnenlicht, war eine ausgiebige Brotzeit angesagt. Der Egon griff in seinen Rucksack und fluchte auf schwäbisch: Das Glas mit dem guten Honig war gebrochen, und der Honig war wirklich überall, alles klebte.......

Die Moral von der Geschicht: Honig nimm nicht auf Bergtour mit!

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Zillertaler Heumandl

ca. 1965, erzählt von Klaus Seebauer

Damals waren wir alle schon etwas besser motorisiert, um in die Berge zu kommen: Der Hans hatte eine 350er NSU-Consul, der Witt hatte dem Walter seine 250er NSU-Max abgekauft, ich bekam für DM 100.- seine alte 250er NSU-OSL und der Sepp erwarb eine gute 250er BMW. Natürlich hatte der Sepp als erster eine Vorrichtung zum Befestigen für unsere Tourenschi beim Mehlhart nach Feierabend erfunden. So gerüstet fuhren wir beide (Sepp vorne, hinten drauf 2 große Rücksäcke, Pickel, Schi, Stöcke und ich) um 3 Uhr früh los Richtung Zillertal. Wir wollten - und haben das auch dann- eine Schitour auf die Berliner Spitze und andere Hornspitzen machen. Es war Frühsommer, und die erste Heuernte hing im Zillertal schon auf den hölzernen Heumandeln, die lhr alle kennt. Die Straßenführung war damals noch ganz anders als heute: Es gab natürlich weder die lnntal-Autobahn, noch die jetzt vorhandene, geradlinige Schnellstraße ins Zillertal. Also eine Kurve links, eine rechts, eine links usw.

Irgendwo im Zillertal, so zwischen Kaltenbach und Zell am Ziller, es war gerade dämmrig, ist der Sepp dann eingeschlafen und in einer Linkskurve geradeaus gefahren: Erst ging‘s durch einen alten, wackeligen Holzzaun, dann einen Meter bergab in eine Wiese und direkt in ein Heumandl. Jetzt waren wir beide wieder wach, das Motorrad war genauso unbeschädigt wie wir, es lag quer, der Motor lief noch, und weil auch noch ein Gang drin war, drehte sich das Hinterrad. Wir mussten es nur wieder auf die Straße raufbringen, alles vom Heu befreien.... und weiter gings! Von da an ging alles noch besser, und es wurde eine schöne, frühsommerliche Schitour. Natürlich haben wir uns beim Heimfahren "unser Heumandl" angeschaut, ohne stehen zu bleiben!

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Die Feuersteine

ca. 1967, erzählt von Klaus Seebauer

Meines Wissens ist es nur dem Feuersteiner Sepp vergönnt, dass er und seine Familie eigene Berge hat: In den Stubaier Alpen gibt es zwei Dreitausender und einen Fast-Dreitausender, die zur Familie Feuerstein gehören. Aber schön der – chronologisch - korrekten Reihe nach: In jener Zeit hatten einige von uns bereits geheiratet. Auch auf den Sepp hatte die holde Weiblichkeit des öfteren schon ein Auge geworfen. Der Sepp hatte sogar mal einen Schatz, der diesen Namen trug. Auch ich hatte zu jener Zeit schon ein Auto erstanden gegen den ausdrücklichen Widerstand meines Vaters. Der grasgrüne VW Käfer vom Franz für 400 DM und mit 150.000 km auf dem Buckel, den ein Breznfenster zierte, durfte anfangs nur ein Stück weiter oben in Trautersdorf parken, damit sich Papa nicht allzu ärgern musste. Aber wir brauchten für unsere Zillertal-Fahrten ein Dach über dem Kopf, denn nach jedem Gipfel und beim sonst schönsten Wetter, erwischte uns beim Heimfahren ein Gewitter.

Wir, die Gabi, ich, der Sepp und seine damalige Freundin (der Name ist dem Autor schon noch bekannt) fuhren also ins Stubai und gingen auf die Nürnberger Hütte. Am Morgen darauf, beim Abmarsch zur Gletschertour auf die Feuersteine zierte sich die Dame: "Da gehe ich nicht mit!" Warum auch immer. Kein Problem für uns, da gingen wir eben zu dritt. Auf dem ersten Gipfel, dem östlichen Feuerstein, 3.258 m hoch, holte ich einen Piccolo aus dem Rucksack: "Sepp, musst halt für zwei trinken!" Dann bestiegen wir den Westlichen Feuerstein, 3.245 m hoch, wo es den nächsten Piccolo gab. Auch hier musste Sepp die Ration für zwei Personen trinken, ganz wie im "Dinner for One". Und schließlich musste noch der Apere Feuerstein, 2.965 m hoch, und der dritte Piccolo dran glauben.

Die auf der Nürnberger Hütte gebliebene Dame wunderte sich natürlich schon, warum wir gar so beschwingt daherkamen. Aber, ganz nach Feuersteiner-Art, schwiegen wir eisern.

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Lawinen

ca. 1970, erzählt von Hans Rucker

"Wennst as heut Nacht richtig rumpeln hörst und der Wind blost auf einmal, dass'd moanst des Hüttendach fliagt davo, nacha laant der Monte." Das sagte der Willi zu mir als ich ihn auf der oberen Baumgartenalm an einem Wintertag besuchte. Ich wollte dort mit ihm ein paar Tage beim Skifahren verbringen. Da er schon viele Jahre Winterpächter auf dieser Alm war, wusste er die Wettersituation ziemlich richtig einzuschätzen. Auch kannte er die Lawinengefährlichkeit seines Hausberges, des Monte, wie er von den Klausnern genannt wurde. Eigentlich handelt es sich um den nördlichen Steilhang des Klausenberges.

Die Lawinengefährlichkeit dieses Abhanges, der von Steilrinnen senkrecht durchfurcht ist, war den einheimischen Skifahrern wohl bekannt. Als ich als ziemlich junger Hupfer bei einer Skiabfahrt über den Klausenberg mit dem wesentlich älteren und sehr bergerfahrenen Thomas von oben auf den Monte reinschaute, sagte dieser zu mir: "Des muaßt dir merken: Vor Josefi derfst'n überhaupt net fahren. Und nach Josefi (19. März) erst, wenn der Schnee ganz fest worn is, so umara Neune in der Früa, wenn die erste Sonn einischeint, und a leichter Firn drauf is. Da is dös ein Hochgenuss, aber auf Mittag zua da wird er schon wieder z'gfährlich. Wenn die Sunn mehr Schnee aufgwoacht hat, dann reißt er oben ab, und die Schneebretter sausen oba und nehmen di mit."

An diesen nordseitigen Hängen im Klausengebiet war die Lawinengefahr genauso groß, wenn der West- oder der Föhnwind Schneeverfrachtungen hineingeblasen hatte oder wenn größere Mengen Neuschnee gefallen waren. Die Jungen lernen es von den Alten, oder sollten es wenigstens. Aber die Jugend ist skeptisch, geht eigene Wege, oftmals auch das Risiko nicht richtig einschätzend. Sonst hätte ein junges Tourenfahrerpärchen, das bei hohen Neuschneeverfrachtungen vor etwa 10 Jahren den Monte herunterfuhr, nicht ihr Leben in einer Lawine beenden müssen.

Als mir der Thomas seine Ratschläge erteilte, gab es noch keinen Lawinenwarndienst. Da musste man sich auf die Erfahrung, die Ortskenntnis, das Gefühl für Wetter- und Schneesituationen der alten Skifahrer verlassen. Und die waren meistens richtig gelegen. Aber halt auch nicht immer. So wie heute durch wissenschaftliche Erkenntnisse, Schneeprofile und Lawinenwarndienst immer noch Unwägsamkeiten, Unsicherheiten und plötzliche unvorhersehbare Naturereignisse eintreten können, waren die Tourenskifahrer in früheren Zeiten trotz ihrer Erfahrung genauso diesen unberechenbaren Launen der Natur ausgesetzt.

Falsches Einschätzen der Schneelage, Leichtsinn oder, wie es einmal dem sehr bergerfahrenen Willi passiert ist: Hudelei, weil's pressiert - und schon wurde er von einer Lawine erfasst. Er hat mir dieses schicksalshafte Ereignis einmal selbst erzählt: "Die ganze Nacht war Schnee gefallen! Wie ich auf der Hütt'n (Baumgartenalm) beim Fenster raus schau, d'Sonn hat schon von Osten her reinblinzelt und der Pulverschnee hat in reinstem Weiß aufg'leucht. Es war ein Wintertraum! Aber, aber leider hab i runterfahren müssen nach Aschau in mei Fotog'schäft, und pressiert hat's a noch. Wenn ich die normale Route nimm – untere Baumgartenalm, Brotzeitwand, dann durch den lichten Wald zum Elandschinder - dann kost mi des mindestens a halbe Stund mehr Zeit, wia wenn i glei von der oberen Baumgarten in den Nordhang reifahr und dabei die Spurerei übers Brotzeitwandl einspar. An Monte derfat ma bei dem Neuschnee gar nia net fahren, aber des Hangerl da von der Hütten oba, da hab i überhaupt net an a Lawin denkt.

I fahr in den Hang ei und scho hör ich an harten, hellen Kracher, so wia wenn oaner an starken Ast abbricht. Ich setz sofort zur Schussfahrt an – wer wird schneller sein, die Lawin oder ich? Ich hab bei dem Pulverschnee koa Chance mehr g'habt.

Von hint hat's mi überrollt, i bin in dem Schneechaos mitgrissen worden wia a Putzlumpen. Um mi rum war's ganz finster, und i hab nimmer g'wußt, wo oben oder unten ist. Dann hat's ma den Brustkasten zuadruckt, so stark, dass i nur mehr drauf gwart hab, bis er z'sammkracht. Und wia mir in diesem Moment klar wird, dass in der nächsten Sekund des Leben aus ist, da lasst der Druck auf einmal nach, vor meinen Augen wird's heller, und i schwimm fast ohne eigenes Zutun an die Oberfläche. Vor mir steht ein riesiger, einzeln stehender Baum, an dem sich die Lawin geteilt hat, und durch dieses seitwärtige Abgleiten der Lawine bin i doch noch lebendig rauskemma. Sogar oan Ski hab i no dran g'habt, und der zwoate is neben mir gwen.

Dann hat's mir nimmer pressiert. In der Högermühl-Wirtschaft bin i eikehrt und hab mir a Schwarzmarkt-Zigarette um fünf Reichsmark beim Wirt kauft, und die hab i in aller Ruhe graucht. Gfühlt hab i mich wia neu geboren."

Viertausender mit Langlauf-Skiern

ca. 1975, erzählt von Klaus Seebauer

Wir, der Witiko und seine Frau, meine Frau und ich und der Sepp von Ohlstadt hatten im Frühjahr 1975 das zentrale Berner Oberland als Ziel für Frühjahrs-Skitouren gewählt. Von der Finsteraarhorn-Hütte aus gingen wir auf den Superberg. Weil der Schnee knallhart gefroren war und die Route zum Finsteraarhorn-Joch ordentlich steil ist, gingen wir mit Steigeisen und hatten die Tourenski am Rucksack. Der Gipfelgrat war problemlos, und wir erfreuten uns einer grandiosen Rundsicht.

Nach dem Anschnallen der Ski, nach dem Joch, hieß es vorsichtig fahren, denn der Schnee war noch immer hart gefroren. Da kommt uns, im Steilhang, jemand entgegen, mit aus der Entfernung schwer abzuschätzenden Bewegungen -...mit Steigfellen? Nein, da kommt jemand mit Langlaufskiern rauf, wo wir mit Steigeisen gingen, halt, den kennen wir doch: Es ist der Lothar aus Bernau! "Ja, griaß Euch!" Kurzes Gespräch, dann zieht jeder in seiner Richtung weiter.

Am Nachmittag sieht man sich in der Hütte wieder. Lothar sagt: "Was macht Ihr morgen?" "Wir gehen morgen auf die Fiescherhörner!" Da lacht der Lothar nur und sagt: "Da war ich heute Nachmittag noch, nach dem Finsteraarhorn! Und morgen früh fahr ich mit meinen Langlaufskiern den Aletsch-Gletscher hinunter!"

Es ist auch alles gut gegangen, denn man traf sich ja bald in Bernau wieder beim Brezen-Kaufen in der Bäckerei seines Bruders.

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Kilimanjaro-Schlaftabletten

ca. 1989, erzählt von Klaus Seebauer

Mit Hans aus Aschau ging's im August 1989 nach Afrika. Wir "akklimatisierten" uns vor der Tour am Hotelstrand in Kenia mit Katamaran-Segeln und Windsurfen im warmen Indischen Ozean und wurden dann von der TUI nach Tansania in den Nationalpark zum Kibo gebracht. Dort wurde unserer 7er-Gruppe der "Bergführer" und die "Träger" zugeteilt, und am Eingang zum Park musste ich alle Geldscheine mit Nr. in eine Liste eintragen.

Dann gings endlich los, der erste Tag im Regenwald zur Mandara -Hütte und am zweiten Tag zur Horombohütte (auf Höhe Großvenediger). Nachdem ich schon in der ersten Nacht schlecht geschlafen hatte, bat ich Hans um eine Schlaftablette. Im dunklen Lager, mit Taschenlampe, fingerte der Hans aus der Bergapotheke zwei Tabletten, gab mir eine, nahm selber eine und wünschte "guten Schlaf!" Schlafen konnte ich trotzdem nicht. Gegen Morgen ging Freund Hans zur Morgentoilette und kam lachend zurück: "Mein Morgen-Urin ist so klar wie ein Bergquell", sagte er. Ich ging raus, der gleiche Befund. Hans hatte inzwischen die Bergapotheke untersucht und entschuldigte sich: "Ich habe gestern anstelle der Schlaftabletten Wasser-Entkeimungs-Tabletten erwischt. Sorry!"

Es hat uns nicht geschadet. Am übernächsten Tag standen wir zum Sonnenaufgang auf dem höchsten Berg Afrikas und konnten über die kleine Panne nochmals herzlich lachen.

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